08. Februar 2011

Neuaufbruch: 3 kleine Dinge

Abgelegt in Veränderung

Nach meinem letzten Eintrag war es schwer, wieder einen Anlauf zu finden. Der Text steht gewichtiger da als alle anderen – und auch trauriger. Bis heute bekomme ich mails von Menschen, die ihn gelesen haben und die einen Bezug zu meiner Freundin und/oder zu mir haben. Herzlichen Dank dafür!

Mein eigenes Leben empfinde ich durch Ursulas Weggehen als Privileg. Die Zeit, die jeder Tag bringt, plane ich nicht wie früher einfach gut durch, sondern sehe sie als kostbare Ressource. Ich habe dieses Jahr mit drei Veränderungen begonnen:

Erstens trenne ich mich jeden Tag von einem Gegenstand. Es ist unglaublich, wie viel ungenutzter Kram sich ansammelt. Es ist auch unglaublich, wie leicht und froh es macht, wenn dieser Kram weg ist. Möglichkeiten zum Entsorgen gibt es reichlich: hauptsächlich all die Mülltrennungsgelegenheiten. Aber über vieles, was für mich überflüssig geworden ist, von der Kleidung bis zu Krimis, freuen sich andere Menschen.

Zweitens frage ich mich jeden Tag mindestens einmal: Was will ich jetzt am liebsten tun? Manchmal weiß ich keine Antwort. Manchmal kann ich mir nichts Schöneres vorstellen als das, was ich gerade verrichte. Und manchmal bekomme ich erstaunliche Einsichten. In meinen letzten kamen Vanilletrüffeln, ein eisernes Jugendstil-Pferdchen und zwei neue Themen für meine „Marktgespräche“ vor, zu denen ich jeweils wenige kluge, tolle Menschen in meine Räume einlade.

Drittens gehe ich sehr viel bewusster mit meinen Mitmenschen um und trainiere, auf eigene Bewertungen so weit wie möglich zu verzichten. Das kommt mir bei meiner Arbeit zugute: Ich stelle meinen Klienten und Seminarteilnehmern ganz neue Fragen. Was für ein Privileg, mit klugen Menschen zu arbeiten, die dann um echte Antworten ringen! Die ersten konkreten Folgen sind sichtbar (und hauen mich um!).

Alle drei Änderungen sehen beim Niederschreiben klein aus. Es ist umso erstaunlicher, was sie an Lebensqualität bringen.  So wild und blitzend wie Ursula kann und will ich nicht leben. Aber in Sachen Intensität sieht es gut aus…


12. Dezember 2010

Requiem für eine Freundin

Ursula
15. Juni 1965 – 9. Dezember 2010

Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal einen Nachruf auf Dich schreiben würde, liebe Ursula. Da, wo wir waren, da war Leben, nicht Tod.

Lebhaft war schon unser Kennenlernen. Beide waren wir unter denen, die eine Doktorandenstelle an diesem renommierten Berliner Institut ergattern wollten. Und so trafen wir uns, als wir beim „Vorsingen“ gegeneinander antraten. Der Ausgang war salomonisch und der Ausgangspunkt für unsere Freundschaft: Man richtete eine zweite Stelle ein und verzichtete auf ein Ranking.

Es folgten diese wilden Berliner Jahre, in denen wir stritten, feierten, redeten und hart arbeiteten – beide mit wissenschaftlichen Zielen und voller Ideen. Wir haben uns in unserer Verschiedenheit zusammengerauft. For the records: Du warst die lebenssprühende, extrovertierte, und auf Hochtouren laufende Version, die den Wind um die Nase brauchte… Und wenn wir etwas ernsthaft Schwieriges zu wuppen hatten, dann waren wir als gemischtes Doppel eine unbesiegbare Kombination (und Du meistens der „böse Bulle“). Erinnerst Du Dich an jenen Abend in Moabit? Und an Deine Erste-Hilfe-Aktion, als mich der Liebeskummer heimsuchte?

Beide entschieden wir uns, den Weg zur Professur gegen etwas zu tauschen, was uns mehr lag. Deine Arbeit, die Du bis in dieses Jahr hinein getan hast, begann mit einer Vermittlung, die ich nach einem Praktikum in einem Verlag übernehmen konnte. Dafür hast Du jenen Gastwissenschaftler vom anderen Ende der Welt an unser Institut eingeladen, mit dem ich nun seit 14 Jahren verheiratet bin. Wenn ich ihn und unseren Herrn Sohn ansehe, dann weiß ich: Es gibt die beiden in meinem Leben nur Deinetwegen.

In den Jahren nach der Promotion trennten sich also unsere Wege. Doch unsere Freundschaft war unabhängig von regelmäßigen Ritualen. Wenn wir uns sahen, war es, als hätten wir uns noch vor einer Woche gesehen – mochten auch drei Jahre dazwischenliegen, die ich zwischendurch in Japan verbrachte.

Wie seit unserer ersten Begegnung haben wir uns gegenseitig den Spiegel der Andersartigen vorgehalten, uns gerade dadurch gegenseitig ergänzt, bereichert und bewundert. Am meisten beindruckte mich Deine Lebensfreude, Deine Bereitschaft, Risiken einzugehen und die Fähigkeit, auch nach einer Flasche Rotwein noch messerscharf zu denken – meistens beim Sushi an unserem Kreuzberger Lieblingsort. Was haben wir gerungen – um das Wahre, um Karriere, um den Umgang mit Männern.

Dann trat der Tod in unser Leben. Du verlorst in kurzem Abstand Vater und Mutter, ich meine Mutter. Wieder rangen wir: diesmal um Fassung, um Sinnpartikel, ums Abschiednehmen und Weitergehen. Ich wünschte, es wäre bei diesen Begegnungen mit dem Ende erst einmal geblieben!

Doch dann brach 2008 der Krebs in Dein Dasein ein, mit einer aggressiven Wucht, die alles änderte. – Nein, nicht alles. Du bliebst  Kämpferin, hast Dich entschlossen und tränenlos gegen diese Krankheit gestellt. Und mehr noch: Du hast das bewahrt, was Dich ausmacht: Deine Würde, Deine Willenskraft, Deine Wahrhaftigkeit und sogar Deine Lebensfreude. Dann hast Du ein Internet-Forum aufgebaut, um anderen in Deiner Situation Austausch zu ermöglichen und sie zu unterstützen.

Du hast gelebt auf allen Kanälen (und auf Deinem Segelboot auf dem Wannsee!), mit all der Intensität, die in den Phasen Deiner Krankheit maximal möglich war. Nie vergessen werde ich Deine Sammlung wilder Perücken, die Dir während der Chemotherapie nicht nur die fehlenden Haare ersetzten, sondern mit denen Du verschiedene Identitäten ausprobiert hast. Ebenso wenig vergessen werde ich die unbekümmerte Bewegung, mit der Du an unserem Kreuzberger Lieblingsort (wieder bei Sushi und Rotwein) die blonde Perücke mit elegantem Schwung vom Kopf zogst wie einen Hut, um mir zu zeigen, wie Du „oben ohne“ aussahst. Als Deine dunklen Haare wiederkamen, hattest Du Lust an der Verwandlung bekommen und trugst Deine wilde Mähne eine Zeit lang platinblond.

Ich sah Dich öfter in der letzten Phase, als Dein Haar wieder dunkel war. Als Du Deine schöne Wohnung hattest verlassen müssen, besuchte ich Dich mit Sushi (von unserem Kreuzberger Lieblingsort) und Champagner in Deinem Prinzessinnenzimmer im Hospiz, wo wir dann (so gut das jeweils noch ging) tafelten und rangen: diesmal um Tod und Lebensdinge. Um schwere Fragen.

Es kam mir bei diesen Besuchen oft so vor, als läge ein Teil von mir mit Sauerstoffgerät in diesem Bett. Genauso gut hätte ich es sein können.

Die Krankheit fraß Stück für Stück von Deiner Vitalität – eine harte, sehr harte Prüfung für eine Frau wie Dich. Doch Deine Würde, Deine Willenskraft, Deine Wahrhaftigkeit und auch Deine Lebensfreude: Was Dich ausmachte, das konnte der Krebs Dir bis zuletzt nicht nehmen. Du entdecktest, dass Piccolos reichen und Alkohol in guter Schokolade delikat sein kann. Jeden Tag schriebst Du drei schöne Dinge auf, für die Du dankbar warst – und für die Du ebenfalls ein Forum ins Leben gerufen hattest.

Noch eines hat mich tief berührt: Viele der unzähligen Impulse, die Du als begabte „Anstoßerin“ anderen gegeben hast, kamen am Ende zu Dir zurück. Wohl selten muss eine Sterbende Besuche so planen, wie Du es musstest! Obwohl Du nur die Menschen ins Prinzessinnenzimmer gelassen hast, die Dir wichtig waren, waren es doch im Schnitt drei Besuche an jedem Tag, manchmal von Gruppen. Du hast viel Liebe, viel Resonanz in den Menschen hervorgerufen.

An diesem Donnerstag bist Du auf die andere Seite gegangen – dorthin, wo keine Sauerstoffgeräte und keine Schmerzen sind.

Du wirst mich weiter begleiten. Ich trage das, was uns verbindet, in die Zeit hinein, in der wir nicht mehr gleichaltrig sein werden.

Ich verspreche Dir, ich werde diese kommenden Jahre würdigen und so gut leben, wie ich es kann. Sie sind nicht selbstverständlich.

Danke für alles, was Du warst und bist.


07. November 2010

Muckibudenzauber. Über Ruhe und Kraft

„Mit zunehmendem Alter nimmt die Muskelmasse nun einmal ab und der Körperfettanteil zu. Das ist ganz natürlich.“

Es begann damit, dass ich mich beim Lesen dieser Sätze ärgerte. Genauer gesagt: Ich ärgerte mich, weil ich die Wahrheit am eigenen Leib sah und fühlte. Ich war ziemlich schwach auf der Brust geworden. Langlauf: kein Problem. Aber Liegestütze? Oder Klimmzüge? Haha! Inzwischen war beim Tragen von T-Shirts auch sichtbar, dass ich mit meinen Armen wenig mehr als einzelne Bücher stemmte, um sie vom Schreibtisch zum Regal (oder den umgekehrten Weg) zu tragen. Maximal.

Ich ärgerte mich außerdem, weil ich mich mit 45 Jahren noch nicht in ein Schicksal als werdende Alte fügen mochte. Mutter Natur mag einen besonderen Sinn für Humor haben (Sie wissen schon: wenn der Oberarm beim Winken mitwinkt!), aber ich musste ihn ja nicht ergeben teilen. Hinzu kam ein Glaubwürdigkeitsproblem. Ich fragte mich als Prinzipienreiterin: Wenn ich meinen Klienten glaubhaft vermitteln will, dass gesetzte Ziele und Strategien bei konsequenter Umsetzung gute Folgen und sichtbare Veränderungen im Leben mit sich bringen – wenn sie mir also all dies glauben sollen: Darf ich dann Oberarme haben, die so aussehen, als ob ihre Trägerin es selbst nicht kann?

Es war ganz klar Zeit für Ziele, Strategien und Umsetzung. Ich erspare Ihnen die Details und kürze ab: Seit ziemlich genau zwei Monaten mache ich regelmäßig Kardio- und Muskelaufbautraining. Ich esse mich dreimal täglich satt. Die guten Folgen und sichtbaren Veränderungen sind inzwischen sichtbar.

Und hier kommt die Überraschung: Die allerbesten Folgen hatte ich bei all der Planung und Selbstmotivation gar nicht gesehen. Wissen Sie, wie man sich fühlt, wenn eine Kraft kommt, die man zuletzt mit 18 oder 20 hatte? Un-glaub-lich! Die Beziehung zwischen Geist und Körper, über die ich so gern rede, wenn in den Seminaren Körpersprache auf dem Plan steht – diese Beziehung habe ich in einer ganz neuen Dimension kennengelernt. Wortwörtlich am eigenen Leib: Mehr Kraft im Körper wirkt wie eine Frischzellenkur fürs Gehirn! Ich arbeite ruhiger, freier und konzentrierter.

Die Muckibude, um die ich leicht naserümpfend einen großen Bogen zu machen pflegte, ist der Ort, wo ich auch die umgekehrte Wirkung vom Geist auf den Körper erfahren habe.  Die kluge @R_Fro in meiner Twitter-Timeline erklärte mir, dass inzwischen erwiesen ist: Wer Muskelübungen in Ruhe und mit innerem Fokus durchführt, baut besser Muskeln auf. Geist-Körper-Beziehung at its best!

Fazit: Krafttraining bringt mir Ruhe. Ruhe bringt mir Kraft. Als schlichtere Vergnügen kommen auf die Habenseite der Verlust einer Kleidergröße und die Lizenz für freie Oberarme. Außerdem kann ich im Zug locker meinen Koffer über die Köpfe meiner Mitreisenden in die Ablage wuppen.  Schönes Gefühl!

Das Wichtigste: Ich fühle mich glaubwürdig in dem, was ich anderen vermittle. Und ich lache fröhlich, nicht sarkastisch über Mutter Natur. Selbst sie lässt uns eine Wahl!


26. September 2010

Beethoven, Garnelen und regelwidriger Small Talk

Es war vor einigen Tagen: Ich weilte mit einer meiner liebsten Freundinnen bei einem Konzert des Bonner Beethovenfestes. Dies poste ich nicht, weil es so spektakulär schön war (obwohl: Es war spektakulär schön, mit Sebastian Knauer am Flügel und Martina Gedeck als Rezitatorin).

Nein, ich schreibe mit einem Anliegen. Das haben wir Kommunikationsleute immer.

Also: Es war ein Konzert mit geladenen Gästen. Die meisten dieser Menschen kamen paarweise oder erkannten sich an Reversnadeln, die ihre Mitgliedschaft in honorigen Clubs offenbarten. Die Kommunikationsform: gepflegte Langeweile im Duett, verbunden mit verstohlenen Blicken ins Umfeld: Wer ist noch so da?

Nach dem Konzert (wirklich spektakulär schön, siehe oben) lud der großzügige Gastgeber zum Lunch mit Blick auf den Rhein. Kommunikationsfördernderweise hatte er auf der sonnigen Terrasse nur Tische mit sechs Plätzen und mehr decken lassen. Meine Freundin und ich hatten während der Vorspeise reichlich Themen: Wir hatten uns seit Wochen nicht gesehen. Doch zwischen Garnelen und Tomate merkte ich: Wir waren am voll besetzten Tisch die einzigen, die sich unterhielten.

Liebe Bloglesende, falls Sie sich jemals in einer solchen Situation befinden, so bedenken Sie: Sie sind Teil der Tischgemeinschaft und für alles, was in ihr (nicht) passiert, mitverantwortlich. Also machen Sie Ihren Einsatz: Spielen Sie! Im Zweifel sieht man sich eh nie wieder.

Ich legte also die Tomate zurück, blickte nach links auf den Teller meiner Nachbarin und sagte: „Oh! Pastetchen! Hätte ich auch gern. Hab‘ mir aber geschworen, zehn Pfund abzunehmen.“ Worauf der Gatte der Nachbarin (vor Kopf) kommentierte: „Zehn Pfund? Die sind bei uns zu Hause ganz oben auf der Themenliste!“

Ah. Heikel. Und ja, ich weiß, gegen welche Small Talk-Regel ich verstieß. Aber immerhin kam Bewegung in die Vorspeisengrabesstille (auch, weil meine Freundin mir unterm Tisch gegen das Schienbein trat. Danke, oh @frauenpower!)

Inzwischen meinte die Gattin: „Ja – ich hab‘ sie auch schon abgenommen, die zehn Pfund.“ Ich: „Wow! Ich quäle mich drei Mal pro Woche in die Muckibude. Bei mir tut sich leider nicht viel…“ Ja, ich weiß. Muckibude nach kulturell hochwertigen Veranstaltungen passt auch nicht. Dafür war ich gut angezogen.

Jetzt schaltete sich die männliche Hälfte vom Ehepaar schräg gegenüber ein, um von seiner Muckibude (rechtsrheinisch) zu berichten. Will sagen: Von diesem Punkt an hatten wir ein Tischgespräch. Der Nachtisch war denkwürdig heiter. Die Sonne schien uns auf die Nasen. Nachmittags trieb es mich allerdings in die Muckibude…

Fazit: Etwas Besseres als Stille gibt es allemale, wenn man sich zu einem geselligen Ereignis trifft. Beim Auftakt helfen folgende Überlegungen:

– Was verbindet uns jetzt gerade konkret? (In meinem Fall: die Vorspeise.)

– Wie kann ich dieses Verbindende zum Thema machen, ohne dass ein reines Ja/Nein/Hmpf als Antwort reichen würde? (In meinem Fall: sehnsuchtsvoller Blick auf das Pastetchen und Hinweis auf mein Röllchenreduktionsprogramm.)

– Wie kann ich die Antwort nutzen, um dem Gespräch Schwung nach vorn zu geben? (In meinem Fall: Muckibuden und Selbstkasteiungsvergleiche. Dann: Vorschlag, zum Dessert zu schreiten.)

Und das Oberfazit: Keine Angst. Die anderen freuen sich. Wirklich.


20. August 2010

Die Menschen in San Francisco

Die Menschen in San Francisco sind anders. Sie sind Großstadtmenschen – aber ganz anders als die Menschen, die ich während meiner Jahre in Berlin und Tokio alltäglich auf den Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln wahrgenommen habe.

Die „öffentlichen Menschen“ sind in Nordkalifornien viel freundlicher; sie achten mehr aufeinander, und sie schienen mir auch viel entspannter zu sein.

Einer alten Dame den Sitzplatz im Bus anbieten. Mit dem touristisch angezogenen Sitznachbarn ins Gespräch kommen. Eine Bitte um Spende damit begründen, dass man dringend Nachschub an „weed“ braucht. Den übelriechenden Obdachlosen neben sich anlächeln. All dies beobachtend erlebt.

Sind Deutsche und Japaner so unentspannt? Ich mag es gar nicht annehmen. Und doch…


18. Juli 2010

Über Ferien, Rumbossen und Freiheit. Ein Gespräch mit Herrn Sohn.

Abgelegt in Familie, leiser Mensch

Herr Sohn (11) und ich haben uns gerade über die Ferienzeit unterhalten. Hier ein Ausschnitt.

Herr Sohn: Ich finde, die Ferien sollen dazu da sein, dass ich tun kann, wozu ich Lust habe. Freiheit!!

Ich: Hm. Und wenn du Lust bekommst, die Wohnung anzuzünden?

Herr Sohn: Neiiin! Ist doch klar, dass ich so was nicht meine. Und ich wohne ja schließlich auch hier. Nein – ich will einfach ohne Befehle leben!

Ich: Das klingt so, als würden wir dich nur rumbossen…

Herr Sohn: Ja, das kommt mir auch so vor.

Ich: Nenn‘ doch mal Beispiele!

Herr Sohn: Immer soll ich alles sofort machen, wenn du es sagst. Zum Beispiel aufräumen.

Ich: Ich habe gelernt, dass du das Aufräumen vergisst, wenn du es nicht sofort erledigst.

Herr Sohn: Stimmt ja auch manchmal. Aber wenn du mich dann erinnerst, dann hört sich deine Stimme so streng an. Und dann denke ich eben, du willst mich rumbossen.

Ich: Die strenge Stimme finde ich ganz logisch. Wer spielt schon gern einen Wecker mit Erinnerungsfunktion?

Herr Sohn: Lass‘ mich doch meine eigene Tagesplanung machen! Du kannst dann sagen, was dir wichtig ist – also zum Beispiel aufräumen oder so. Und ich bestimme alles andere und die Reihenfolge auch.

Ich: Oh – hört sich gut an. Bedeutet das jetzt, dass eigene Planung dich freier macht? Also Boss sein statt rumgebosst zu werden?

Herr Sohn: Ja. Das Geplante dann auch zu tun, das ist natürlich wieder eine andere Geschichte…

Ich: Fang einfach mal an!


02. Juli 2010

Was ist wichtig?

Abgelegt in Beistand, wertvoll

In dieser Woche ist unser Herr Sohn nach 15 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Es war eine chaotische und sorgenvolle, aber auch eine lebendige und sehr wertvolle Zeit – letztere konnten wir klarer erkennen, als kluge Menschen die fiese Borreliose erst einmal diagnostiziert hatten.

Jetzt bin ich froh, dass er wieder bei uns ist. Dass er ganz gesund gestern seinen 11. Geburtstag feiern konnte. Und ich habe ganz neu schätzen gelernt, was in normalen Alltagszeiten so oft unsichtbar bleibt. Besonders im Gedächtnis bleiben werden mir

– die wunderbaren Menschen, die in der unsicheren Phase an unserer Seite gewacht haben, nah und fern, auf Twitter und in emails, telefonisch und persönlich. Danke!

– die vielen Stunden im Krankenhaus, die das Tempo aus meiner normalen Lebensgeschwindigkeit genommen und mir gezeigt haben: Das geht. Und es tut auch gut.

– die Gedanken, die im Alltag wenig Raum haben: über das, was wirklich wichtig ist. Über das, was dem Leben einen Wert gibt. Über die große Zerbrechlichkeit, die so schnell so vieles ändert.

Bleiben wird auch eine tiefe Dankbarkeit für die Zeit, die wir zusammen erleben dürfen.
Und ein größeres Maß an Gelassenheit. Die Welt ist gut – das zeigt sich in schweren Zeiten mit einer anderen Intensität.


18. Juni 2010

Das Runde muss ins Eckige: Wir-Gefühle

In der Familie, bei meinen Kunden, in öffentlichen Räumen und in den Medien: Überall bin ich von Fußballbegeisterten umgeben. Ich sehe mich selbst gerade als eine Art kleines gallisches Dorf in menschlicher Gestalt…

Doch faszinierend ist es schon. Einander völlig fremde Menschen aller Alters- und Bildungsklassen, aus allen sozialen Schichten und mit ganz verschiedenen Wertesystemen fühlen sich in unserem Land auf einmal miteinander verbunden: weil eine Mannschaft in Südafrika Deutschland repräsentiert und in dieser Eigenschaft versucht, Bälle in Tore zu schießen, die andere Mannschaften aus anderen Ländern verteidigen.

Gut, im Vergleich zu Gladiatorenspielen ist Fußball besser. Immerhin geht es auch um Taktik, um Teamgeist… Auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit ist ja im Prinzip gut.
Und dennoch: Ich frage mich gerade, bei welchen Gelegenheiten das Schwenken einer Deutschlandfahne wohl angemessener wäre? Freue mich über Vorschläge!


02. Juni 2010

Mein neues Büroschild

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so freuen würde, als es heute neben dem Eingang seinen Platz fand. Es ist ja nur ein kleines Ding.

Und doch: Es ist auch ein missing link, das wie ein letztes Mosaiksteinchen einen großen Veränderungsprozess abrundet, der diese Frühjahrsmonate geprägt hat:
neue Website, neue Büroräume, neue Möbel, neue Printmaterialien, neue Slides, neues Buch, neuer Blog (sic!) – tja, und eben ein neues Schild.

Meine Twitter-Begleiter haben spontan öffentlich und privat mit mir gefeiert – Danke!
Ich habe mir gerade als Andenken ein Paar knallroter Schuhe gekauft, auf denen ich auch äußerlich schwebe. Design: nicht leise. Und gut!

Hier ist das gute Stück...

Hier ist das gute Stück…


30. Mai 2010

Medium Esstisch

Abgelegt in Essen und Trinken

Die gemeinsame Mahlzeit ist so alt wie die Menschheit. Der Braten über dem Höhlen- oder Grillfeuer, die Festtafel zur Hochzeit, die Familie am Abendbrottisch und der Business Lunch zwischen Akten und Sitzung: kaum ein Miteinander ohne Speise.

Wir essen alle irgendwann irgendetwas. Allerdings müssen wir dies heute weniger als je zuvor gemeinsam tun. Die Bestellpizza am Computer, ein Baguettebrötchen auf die Hand oder eine Plastikbox mit Resten vom Wochenende ist unser tägliches Brot. Diese Art von Mahlzeit lässt sich fix, problemlos und gemeinschaftsfrei den ganzen Tag über arterhaltend vertilgen: lesend, twitternd oder einfach weiterarbeitend.

Wenn ich sehr viel zu tun habe, rutsche ich leicht in dieses beiläufige Ex-und-hopp-Essverhalten. Aber ich habe mich entschieden, das bewusst zu ändern und mehr als bisher auf ein Miteinander beim Essen zu achten. Hier sind drei wichtige Bereiche, die mich dazu bewegen. Sie haben alle mit anderen zu tun. Und natürlich auch mit mir.

1. Familie. Wir versuchen, morgens und abends so oft wie arbeitstechnisch möglich gemeinsam am Tisch zu essen. Dabei kommen Dinge zur Sprache, die sehr wahrscheinlich unerwähnt blieben, wenn wir nur gemeinsam in einem Raum anwesend wären: die neue App, die alte Nachbarskatze, der unfaire Lehrer.
Ich glaube, wenn ich einmal grau bin, werden diese Stunden zu schönen Erinnerungen geworden sein. Abgesehen davon lernt unser eher wortkarger Herr Sohn, was Konversation ist: Nähe. Wärme. Bewegung.

2. Netzwerk. Ich esse gern mit Freunden und Geschäftspartnern: mittags oder abends, im Restaurant oder zu Hause. Meine liebste Tischgröße: die für zwei bis vier Personen. Dann ist selbst in einer Stunde Mittagspause ein echtes Gespräch möglich, und ich kann den Menschen hinter der Funktion sehen. Fast immer bin ich hinterher wach, inspiriert und beeindruckt von dem, was meine Tischgenossinnen und -genossen so denken und tun. Und viele meiner richtig guten Projekte begannen am Esstisch.

3. Zuwendung. Einige wunderbare Menschen in meinem Umfeld gehen nicht gern aus. Sie sind krank oder älter, es geht ihnen nicht gut oder sie gehören zu den zurückgezogenen leisen Menschen. Wenn ich diese Freunde und Bekannte besuche, versuche ich die Begegnung meistens mit einem Essen zu verbinden. Kaffee und Kuchen oder ein einfaches mitgebrachtes Gericht (manchmal von der Pommesbude – warum nicht?) sorgen, gemeinsam genossen, für unkomplizierte, entspannte Gemeinschaft: Wir essen zusammen. Wir reden miteinander. Manchmal baut die Mahlzeit als Thema eine Brücke. Und die Vorteile aus 1. und 2. kommen noch dazu…