Archiv für die Kategorie ‘leiser Mensch’


13. November 2011

Papademos und Monti – leise Krisenmanager

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung porträtiert heute die beiden neuen Ministerpräsidenten in  Griechenland und Italien. Lukas Papademos und Mario Monti haben offensichtlich vieles gemeinsam: Sie sind hochintelligent. Sie haben für ihre ökonomische Ausbildung ausgezeichnete Lehrer gewählt, die beide später den Nobelpreis erhielten. Sowohl Papademos als auch Monti wurden früh Professoren und gelten als Wirtschaftsexperten.

Doch am interessantesten finde ich die Parallelen in den persönlichen Merkmalen:
Papademos wie Monti meiden den offenen Schlagabtausch und scheinen eher sach- als machtorientiert zu sein. Sie gelten beide als diszipliniert, fleißig – und auch als distanziert und Menschen mit wenigen Freunden.

Zwischen den Zeilen entsteht hier das Bild zweier leiser Menschen. Sie sind es nun, die in einer Zeit zur Macht berufen werden, die gute  Krisenmanager verzweifelt dringend und drängend braucht. Was befähigt besonders leise Menschen dazu, diese schwere Aufgabe zu bewältigen? Aus meiner Sicht helfen ihnen vor allem zwei Stärken:

Erstens können leise Menschen leichter als Extrovertierte die Sache vor die Person stellen und entsprechend handeln: konzentriert und auf das Wesentliche bezogen, eher nach sachlichen Notwendigkeiten als nach Kriterien des Machterhaltes und der Popularität. Sie sind weniger darauf angewiesen, selbst im Mittelpunkt zu stehen.

Zweitens sind leise Menschen – das lässt sich sogar neurobiologisch nachweisen – eher sicherheitsorientiert, während Extrovertierte eher auf Stimulation und Belohnung ausgerichtet sind. (Dies muss nicht so ausgeprägt sein wie bei Montis Vorgänger…)

Wir leben in einer politischen und wirtschaftlichen Situation, die Sachorientierung, Vertrauensbildung und Sicherheitsstreben zu hochattraktiven Eigenschaften macht. Genau diese können leise Menschen glaubwürdig vermitteln – besonders dann, wenn sie auch noch sehr kompetent sind.

Doch es gibt auch Schwierigkeiten, mit denen viele leise Führungspersönlichkeiten zu ringen haben.

Die erste und wohl größte Herausforderung ist die Überzeugungskraft. Wie werden es Papademos und Monti schaffen, starke Koalitionen hinter sich zu sammeln, visionäre Stärke zu entwickeln und Menschen zum Handeln (und zu Opfern) zu bewegen? Wie gut werden sie politische Partner und die eigene Bevölkerung motivieren und zu neuen Wegen zu ermutigen – in einer Zeit, in der die meisten frustriert, zornig oder sogar zynisch sind?

Zweitens sind Krisenzeiten auch Konfliktzeiten. Konfliktsituationen sind bei leisen Menschen unpopulär und werden gern gemieden. Dies ist innen- wie außenpolitisch aber gerade so gut wie unmöglich: Beide Ministerpräsidenten werden sich vor allem als Konfliktmoderatoren bewähren müssen und zwischen verschiedenen Lagern und Interessen zu vermitteln haben.

Ich bin gespannt, wie Papademos und Monti ihre neuen Positionen ausfüllen werden.
Alle guten Wünsche für zwei kluge, leise Menschen!


14. September 2011

Leise? Wieso leise?

Seit gestern twittere ich nicht nur unter meinem Namen, sondern auch unter dem Account @LeiseMenschen.
Zeit für eine Erklärung: Was bringt mich zu diesem Thema? Und was ist das Thema überhaupt?

Wie so manches Neue begann auch diese Geschichte mit Ärger.
Ich ärgerte mich in meinen Weiterbildungen, wenn extrovertierte Referierende ihre Art der Kommunikation für allgemeingültig oder überlegen hielten (mein Lieblingsantibeispiel: große Bewegungen!).
Ich ärgerte mich, wenn die introvertierten Menschen, mit denen ich so gern arbeite, diese Botschaften mit sich herumschleppten und sich selbst als unterlegen bewerteten: sei es beim Präsentieren, beim Verhandeln oder beim Aufbau von Kontakten.

Beide Ärger-Anlässe entsprechen nicht den Tatsachen.
Erstens: Introvertierte Stärken in der Kommunikation unterscheiden sich von denen extrovertierter Menschen.
Zweitens: Introvertierte sind genauso gut und erfolgreich in ihren Auftritten und Gesprächen – vorausgesetzt, sie kennen ihre Stärken wie ihre Hürden und handeln danach.

Viele der erfolgreichsten, klügsten und einfallsreichsten Menschen auf diesem Planeten sind leise Menschen.
Sie fallen nur nicht so auf.

Um wieder auf den Ärger zurückzukommen: Sich zu ärgern ist nur dann sinnbehaftet, wenn die freigesetzte Energie dann auch zu etwas gut ist. Ich habe meine genutzt, um ein Buch zum Thema zu schreiben, das bald erscheinen wird. Und ich nutze sie, um über leise Kommunikation zu informieren: zum Beispiel hier und auch auf Twitter, eben unter @LeiseMenschen.

Es ist an der Zeit. (Fortsetzung folgt…)


18. Juli 2010

Über Ferien, Rumbossen und Freiheit. Ein Gespräch mit Herrn Sohn.

Abgelegt in Familie, leiser Mensch

Herr Sohn (11) und ich haben uns gerade über die Ferienzeit unterhalten. Hier ein Ausschnitt.

Herr Sohn: Ich finde, die Ferien sollen dazu da sein, dass ich tun kann, wozu ich Lust habe. Freiheit!!

Ich: Hm. Und wenn du Lust bekommst, die Wohnung anzuzünden?

Herr Sohn: Neiiin! Ist doch klar, dass ich so was nicht meine. Und ich wohne ja schließlich auch hier. Nein – ich will einfach ohne Befehle leben!

Ich: Das klingt so, als würden wir dich nur rumbossen…

Herr Sohn: Ja, das kommt mir auch so vor.

Ich: Nenn‘ doch mal Beispiele!

Herr Sohn: Immer soll ich alles sofort machen, wenn du es sagst. Zum Beispiel aufräumen.

Ich: Ich habe gelernt, dass du das Aufräumen vergisst, wenn du es nicht sofort erledigst.

Herr Sohn: Stimmt ja auch manchmal. Aber wenn du mich dann erinnerst, dann hört sich deine Stimme so streng an. Und dann denke ich eben, du willst mich rumbossen.

Ich: Die strenge Stimme finde ich ganz logisch. Wer spielt schon gern einen Wecker mit Erinnerungsfunktion?

Herr Sohn: Lass‘ mich doch meine eigene Tagesplanung machen! Du kannst dann sagen, was dir wichtig ist – also zum Beispiel aufräumen oder so. Und ich bestimme alles andere und die Reihenfolge auch.

Ich: Oh – hört sich gut an. Bedeutet das jetzt, dass eigene Planung dich freier macht? Also Boss sein statt rumgebosst zu werden?

Herr Sohn: Ja. Das Geplante dann auch zu tun, das ist natürlich wieder eine andere Geschichte…

Ich: Fang einfach mal an!


02. Juni 2010

Mein neues Büroschild

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so freuen würde, als es heute neben dem Eingang seinen Platz fand. Es ist ja nur ein kleines Ding.

Und doch: Es ist auch ein missing link, das wie ein letztes Mosaiksteinchen einen großen Veränderungsprozess abrundet, der diese Frühjahrsmonate geprägt hat:
neue Website, neue Büroräume, neue Möbel, neue Printmaterialien, neue Slides, neues Buch, neuer Blog (sic!) – tja, und eben ein neues Schild.

Meine Twitter-Begleiter haben spontan öffentlich und privat mit mir gefeiert – Danke!
Ich habe mir gerade als Andenken ein Paar knallroter Schuhe gekauft, auf denen ich auch äußerlich schwebe. Design: nicht leise. Und gut!

Hier ist das gute Stück...

Hier ist das gute Stück…


16. Mai 2010

Mehr Rückzugsnischen für leise Menschen!

Abgelegt in leiser Mensch

Heute schreibe ich über einen besonderen Menschen in meinem Leben:
über Herrn Sohn. (Ich nenne ihn auf Twitter so und bleibe hier dabei!)

Herr Sohn (10) also hatte heute einen frustrierten Verzweiflungausbruch.
Was war passiert?

Eigentlich sollte es ein schönes Wochenende werden. Ein fröhliches Frühlingswochenende in einer Jugendherberge mit 14 anderen Kindern aus einer internationalen evangelischen Kirchengemeinde, die ich wegen ihrer Weltoffenheit sehr schätze. Genügend erwachsene Betreuer, die wir kennen.

Herr Sohn aber ist diese Zeit schlecht bekommen. Richtig schlecht. Der Grund:
Alles wurde gemeinsam getan! Gruppentreffen und Sport, Musik und Essen, sogar Wandern:
Alles, alles passierte gemeinsam in der Gruppe. Schlafen im Sechsbettzimmer. Rückzugsmöglichkeit: null.

Ich weiß natürlich, dass Herr Sohn ein leiser Mensch ist. Dass er zwischendurch allein Zeit zum Denken und Luftholen braucht. Deshalb hatte er von mir einen Rat im Reisegepäck: Wenn es dir zuviel wird, hast du das Recht, dich auszuklinken. Jederzeit.

Genau das hatte er sogar vorher klargestellt – und während des Wochenendes auch zweimal versucht. Das Ergebnis: friendly fire. Will heißen: Beide Male überredete ihn eine erwachsene Betreuungsperson freundlich, doch lieber wieder zur Gruppe zurückzukehren. Was kann ein leiser Zehnjähriger dem entgegensetzen?

Wozu ich das schreibe: Leise Menschen brauchen Rückzugsnischen!
Eben weil sie leise sind, machen sie sich und anderen das oft nicht deutlich.

Dabei hat ein Rückzugsbedürfnis nichts mit sozialer Kompetenz oder Leistungsfähigkeit zu tun: Es ist einfach ein persönliches Merkmal wie Bewegungsdrang oder die Lust an  Diskussionen. Wer das respektiert, sichert sich die Freude am sozialen Leben und auch die Fähigkeit, optimal zu denken und zu arbeiten.

Wenn Sie zu den leisen Menschen gehören, dann gönnen Sie sich deshalb Ruhephasen im Alltag:
ein Mittagessen allein, ein kleiner Spaziergang zwischendurch, ein paar Seiten aus einem Buch (oder Blog).
Das wirkt Wunder: für Sie selbst und auch für Ihre Beziehungen zu anderen.

Herr Sohn leidet nach diesem Wochenende unter einer akuten Kirchenallergie. Das verstehe ich gut. Und ich werde zweierlei tun.
Erstens: ein entsprechendes Feedback geben.
Zweitens: mit Herrn Sohn Grenzen setzen üben: Er darf sich zurückziehen.
Auch unter „friendly fire“ wohlmeinender Menschen, die es eigentlich besser wissen sollten.

ps: Herr Sohn hat diesen Beitrag freigegeben.


05. Mai 2010

Leiser Mensch. Starker Auftritt.

Abgelegt in leiser Mensch

An diesem Montag gab ich einen Workshop für Wissenschaftler.
Ihr Anliegen: Präsentationen vor internationalen Panels vorbereiten.

Unter den Teilnehmern gab es einen, der in jeder Hinsicht leise war.
Leise Stimme, leise Gesten, leise Sprache.
Beim Präsentieren dann die Überraschung: Gelassen und mit großer Kompetenz sprach dieser leise Wissenschaftler von dem, was ihn in seiner Forschung umtreibt. Warum diese Forschung wichtig ist. Und wozu genau er die Mittel braucht, die er einwerben will. Und er sprach so, dass wir völlig fachfremden Zuhörerinnen und Zuhörer all dies genau verstehen und nachvollziehen konnten.

Ein leiser, in sich stimmiger Mensch, der genau wusste, wovon er sprach.
Wir hätten ihm alles gegeben, was in seinem Antrag stand!